Die kritische Gesamtausgabe


von Reinhold Kubik

Zentrales Anliegen der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft. Da Gustav Mahlers Werke bis zu seinem 70. Todestag (1981) urheberrechtlich geschützt waren, beschloss man, die Bände jeweils von demjenigen Verlag vorlegen zu lassen, der im Besitz der Rechte war. Diesem Prinzip blieb man treu, als Mahlers Werke nach 1981 "public domain" geworden waren.

Als erster Band erschien 1960 - zu Mahlers 100. Geburtstag - die 7. Symphonie. Herausgeber war bis zu seinem Tod 1973 Erwin Ratz, der bereits 1967 stolz auf 7 Bände verweisen konnte. Sein Editionsprinzip war die Edition einer "Fassung letzter Hand", aus der Überzeugung, dass Mahlers zahlreiche Umarbeitungen und Retuschen die Werke stets und ausnahmslos verbessert hätten. Die Kritischen Berichte mussten überaus knapp gehalten werden - hauptsächlich deshalb, weil damals kein Verlag bereit war, finanzielle Hypotheken auf die Zukunft der Werke Mahlers aufzunehmen, weil damals nur wenige an einen durchschlagenden Erfolg glaubten.

Ferdinand Redlich gab in diesen Jahren für die Edition Eulenburg 6 Bände mit Werken Mahlers heraus und vertrat dabei den entgegengesetzten Standpunkt: er betrachtete ausschließlich die Erstversion als gültigen Text. Erwin Ratz schaffte bis zu seinem Tod insgesamt 10 Bände.

Karl Heinz Füssl betreute die Gesamtausgabe in den Jahren 1974 bis 1993. Im Unterschied zu Ratz, der alles allein gemacht hatte, versicherte er sich der Mitarbeit qualifizierter Mahlerforscher: Zoltan Roman legte einige Liederbände vor, Peter Revers die frühen Lieder, Stephen Hefling die Klavierfassung vom Lied von der Erde, Rudolf Stephan Das klagende Lied und die Totenfeier. Füssl selbst edierte die 8. Symphonie und wandte sich der mühsamen Aufgabe zu, frühe Bände zu ergänzen, zu korrigieren und zu revidieren, ein Prozess, der bis heute nicht abgeschlossen ist. In Füssls Zeit erhielten auch die Kritischen Berichte zunehmend größeres Gewicht.

Nach Füssls Tod übernahm Reinhold Kubik 1993 die Leitung der Gesamtausgabe. Seitdem erschienen die Wunderhorn-Lieder als Klavier- und Orchesterfassungen (Renate Hilmar-Voit), der frühe Klavierquartettsatz (Manfred Wagner-Artzt), die dreisätzige Erstfassung des Klagenden Liedes (Reinhold Kubik) und die V. Symphonie (Reinhold Kubik). Neuausgaben der Zweiten (Renate Stark-Voit/Gilbert Kaplan) und der Siebenten (Reinhold Kubik) sind kurz vor der Fertigstellung. Alle neuen Bände heißen "Neue kritische Gesamtausgabe"; sie haben einen umfassenden Textteil mit Vorwort, Kritischem Bericht und Abbildungen. Die Editionsleitung spricht sowohl manchen Erst- als auch den Letztfassungen, sowie einigen der Retuschen Mahlers ihre künstlerische Berechtigung zu. Dementsprechend wird die Ausrichtung der zukünftigen Arbeit aussehen.

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