Ausschnitt aus dem FF (Freizeit & Fernsehen) Südtiroler Wochemagazin, 19. 8. 2004, Nr. 34

[Seitdem dieser Artikel vor vier Jahren geschrieben wurde, sind die betroffenen Grundbesitzer einander etwas entgegengekommen, so dass man hoffen kann, dass eine finanzielle Lösung bis zu Mahlers 150. Geburtstag noch möglich sein könnte.]

 

Toblach: Das Komponierhäuschen von Gustav Mahler sorgt erneut für Missstimmung und Verbitterung. Den einen gehört es und die anderen wollen es zum Kultort erklären.

"Es ist unglaublich, was da passiert, einfach unglaublich." Josef Lanz, seit zehn Jahren künstlerischer Leiter der Gustav-Mahler-Musikwochen in Toblach, kann seine Enttäuschung nicht länger zurückhalten. Denn so, wie man mit dem Komponierhäuschen von Gustav Mahler umgehe bzw. nicht umgehe, "ist ein Problem, das Toblach selber nicht mehr lösen kann", ist Lanz überzeugt, der mit seiner Kritik zwar keine "Revolution" anzetteln, aber auch nicht länger still sein will. Es gehe absolut nichts weiter - seit Jahren. "Die Situation ist immer verkorkster geworden", bedauert Lanz. Da sei kein Leben mehr drinnen, nicht mal negatives.

Hölzerne Angelegenheit. Für Unwissende könnte das Häuschen schlicht als Holzbaracke durchgehen.. Eine einfache, kleine Hütte aus Holz von vielen eben. Dass das Häuschen mitten in einem Tierpark steht, erleichtert auch nicht die Annahme, dass es sich eben nicht um eine gewöhnliche Hütte handelt. Sondern um jenes Häuschen, in dem der berühmte böhmische Komponist Gustav Mahler seine letzten Werke schuf.

In den Sommermonaten von 1908 bis 1910 verweilte das Musikgenie auf dem Trenkerhof in Altschluderbach bei Toblach. Und um in Ruhe seiner Arbeit nachzugehen, ließ er sich in der Nähe ein eigenes Komponierhäuschen erbauen. Ein Ort inmitten eines Fichtenwäldchens, wie geschaffen für jene Ruhe und Entspannung, die der Musiker brauchte - und auch fand. Immerhin komponierte er an diesem Ort das "Lied von der Erde" und die "9. Symphonie".

"Hier ist es wunderherrlich und repariert ganz sicher Leib und Seele...", sagte Mahler über Toblach im Jahre 1909.

Das war einmal. Heute ist es ganz anders. Denn "dass Mahler heute nochmals in dieses Häuschen gehen würde, um zu arbeiten, ist schlichtweg undenkbar", glaubt Lanz zu wissen. Im Gegenteil: Davonlaufen würde er, der Mahler, wenn er wüsste, dass er inmitten von Wildschweinen und sonstigen Tieren, die ihren Kopf in sein Arbeitsreich stecken, komponieren müsste.

Kritische Worte, mit denen der Leiter der Mahler-Musikwochen nicht alleine ist. Jedes Jahr trudeln Musiker aus der ganzen Welt in das 3.000 Seelen-Dorf im Hochpustertal ein, um die Idylle, in der Mahler komponierte, zu bewundern. Viele jedoch scheinen mehr schockiert als begeistert zu sein. Von "unzumutbaren Missständen" und "tiefer Verbitterung" darüber ist die Rede. Mahler hätte seinerzeit absolute Ruhe verlangt - und nun?

Dort, wo einst der Musiker in einsamer Stille Grandioses schuf, tummeln sich Wild- und Haustiere. Und derjenige, der das Komponierhäuschen bewundem will, der muss sich erst seinen Weg durch den Tierpark bahnen - jedoch nicht, ohne vorher Eintritt bezahlt zu haben. Darum herum kommen auch die zahlreichen Mahlerexperten und -liebhaber nicht. "Denen geht's nur um eine touristische Ausschlachtung", mault Lanz. Alles andere sei wertlos.

Ein Gesamtprojekt. Pläne und Ideen, wie man alles besser machen könnte, gibt es bereits seit Jahren: etwa einen eigenen Zugang zu schaffen, das Häuschen vom Tierpark auszugliedern und eigens zu umfrieden. Leere Worte und "Besprechungen, die nie zu einem Ende kamen", bedauert Hansjörg Viertler, Präsident des Gustav-Mahler-Komitees. Selbst Bürgermeister Bernhard Mair betont das Interesse seitens der Gemeinde, "dass da endlich was passiert". Und warum tut es das dann nicht?

Der Hund scheint wohl darin begraben zu liegen, dass sich Häuschen und Tierpark in Privatbesitz befinden. "Und in Privateigentum können wir nicht eingreifen", so der Bürgermeister. Auch wenn es Konzepte für eine Veränderung gäbe, bräuchte man die Zustimmung der Besitzer. Und das sei schwierig. Zumal nicht nur ein Besitzer ein Wörtchen mitzureden hat, sondern gleich zwei.

Es war vor rund 20 Jahren, als der Toblacher Hotelier Herbert Santer nicht nur das Komponierhäuschen erwarb, sondern gleichzeitig auch einen Wildpark als Touristenattraktion dazustellte - gemeinsam mit der Familie Trenker, die die "Gustav Mahler Stube" in Altschluderbach führt, jenen Hof, in dem Mahler untergebracht war. Eines der Zimmer, wo der Künstler mit seiner Frau wohnte, kann heute noch dort besichtigt werden. Somit gehört ein Teil des Tierparkes der Familie Trenker und der andere Teil, auf dem auch das Häuschen steht, dem Santer. Dieser allerdings wehrt jegliche Kritik rund um sein Häuschen lachend ab. Von wegen, die Atmosphäre sei verloren gegangen oder die Tiere würden stören - "ist alles ein Schmarrn", so Santer. Diejenigen, die so was behaupten, "sind nur böse Leute". Er jedenfalls ist sich keiner Schuld bewusst. Das Häuschen sei von ihm bestens restauriert worden - mehr könne er nicht tun. Zwar sei ihm und dem Trenker vor Jahren ein finanzieller Beitrag des Landes für einen neuen Zugang angeboten worden, doch war dieser viel zu gering. Außerdem "möchte ich meine Ideen selber verwirklichen", erklärt Santer. Geredet habe er lange genug, selbst mit der Enkelin von Gustav Mahler - dabei herausgekommen sei, wie man sehe, nichts.

Santer strebt seine eigene Lösung an, zusammen mit dem ungarischen Dirigenten Ivan Fischer, der selbst im Häuschen komponiert habe. "Und ihn haben die Tiere überhaupt nicht gestört", so Santer verschmitzt. Jedenfalls solle alles so konstruiert werden, wie es zu Mahlers Zeiten war. "Wir wissen um die Wichtigkeit dieses Objektes." Das Ganze brauche nur Zeit und Geld. Zeit, die für Lanz davonzurennen scheint. Nächstes Jahr bereits feiere man 25 Jahre Mahler-Musikwochen. Und der große Mahler-Biograf Henry Louis de La Grange habe bereits mit seiner Abwesenheit gedroht. "Aus Verbitterung über den Umgang mit dem Komponierhäuschen. Das sagt wohl alles."

Alexandra Aschbacher