Profil der Neuen Kritischen Gesamtausgabe
der Werke Gustav Mahlers

Die Neue Kritische Gesamtausgabe der Werke Gustav Mahlers wird von der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Musikverlagen vorgelegt, wobei in der Regel jene Verlage beteiligt sind, die vor 1981, dem Ablauf der 70jährigen Schutzfrist, das Copyright auf das betreffende Werk innehatten. Ziel der Neuen Kritischen Gesamtausgabe ist die Bereitstellung von wissenschaftlichen, philologisch erarbeiteten Editionen sowohl für die musikalische Praxis als auch für die historische und analytische Forschung. Dabei werden die Quellen geordnet, verglichen und bewertet, um die Hauptquelle als Editionsgrundlage für das jeweilige Werk festzulegen und die korrigierende bzw. ergänzende Rolle der übrigen Quellen zu definieren. Die Ausrichtung auf die Praxis sowie Besonderheiten der Quellensituation bei Mahler haben zu der Entscheidung geführt, keine Korrekturlisten über sämtliche Abweichungen aller Quellen untereinander im Kritischen Bericht anzuführen: dem Benutzer wäre damit kaum gedient. Die Einzelanmerkungen, in denen eine sorgsame Auswahl an Mitteilenswertem vorgenommen, aufgelistet und kommentiert wird, sollen vielmehr jene editorischen Entscheidungen transparent machen, die eine besondere Begründung erfordern. Ergänzt werden die Begleittexte mit Informationen zur Werkentstehung, zur Drucklegung und zur Aufführungsgeschichte sowie mit einem Kapitel über editorische Besonderheiten des jeweiligen Bandes und Anmerkungen zur Aufführungspraxis. Der Inhalt der Gesamtausgabe besteht im Kern aus allen Werken Mahlers, die er selbst zur Drucklegung bestimmt hat. Dazu tritt ein Supplement, das Frühfassungen (etwa die dreisätzige Erstfassung von Das klagende Lied), Fragmente (z. B. den Klavierquartettsatz) aber auch Mahlers eigenständige Klavierfassung von Das Lied von der Erde, sowie Mahlers Dichtungen umfasst.

Mahler hat zeitlebens seine eigenen Werke aufgeführt und dabei Revisionen vorgenommen. Diese Revisionstätigkeit betrifft zumeist das Präzisieren der Formulierungen und die Verfeinerung der Instrumentation und ist ein steter Begleiter von Mahlers Kompositionstätigkeit. Sie ist gelegentlich schon in den Skizzen erkennbar, findet sich auch in Particellen und Partiturentwürfen, sodann massiv bei der überarbeitung der Stichvorlage und zieht sich durch die Drucklegung und die Aufführungsmaterialien bis zu seinem Tod. Mahlers Revisionen gehen nicht auf Beeinflussung von außen zurück, alle Eingriffe entspringen ausnahmslos seinem eigenen Willen, wobei er zumeist zwischen änderungen unterschied, die bei einer bestimmten Aufführung nötig geworden waren, und solchen, die er für künftige Fassungen konservieren wollte. Mahler hat mehrmals geäußert, dass für ihn nur der jeweils letzte Stand eines Werkes Gültigkeit besitze. Daher war es von Anfang an die Absicht der Gesamtausgabe, zu versuchen, diesen Willen Mahlers jeweils als die "Fassung letzter Hand" vorzulegen. Darüber hinaus verdienen jedoch in einigen Fällen auch die Frühfassungen Beachtung: Sie gestatten erhellende Blicke in die Komponistenwerkstatt und stoßen in zunehmendem Maß auch auf das Interesse von Spielern und Publikum. In jedem Fall jedoch werden Fassungen streng getrennt und Mischfassungen vermieden; das gilt auch für jene Lieder, die in Klavier- und Orchesterfassungen vorliegen.

Die Neue Kritische Gesamtausgabe (NKG) unterscheidet sich von der bisherigen Kritischen Gesamtausgabe (KGA) zunächst dadurch, dass die musikalischen Texte neu hergestellt werden, anstatt, wie früher, die alten Stichbilder zu übernehmen und lediglich auszubessern. Da in allen Fällen auch Aufführungsmaterialien vorgelegt werden (Orchesterstimmen, Chorpartituren, Klavierauszüge), ist durch diese Neuherstellung eine übereinstimmung zwischen Partitur und Aufführungsmaterialien gewährleistet. überdies ermöglicht die Produktion und das Angebot von Leihmaterial, dass neue Erkenntnisse (etwa aus neu zugänglichen Quellen) in den Notentext laufend eingebracht werden können und dieser damit immer auf dem neuesten Stand ist. Der zweite Unterschied ist die oben beschriebene Einbindung ausführlicher Begleittexte (Vorwort, Kritischer Bericht, Einzelanmerkungen und anderes). Schließlich erscheint die NKG in dem schon zu Mahlers Zeiten üblichen, größeren Quartformat, so dass die bessere Lesbarkeit ermöglicht, die Bände auch als Dirigierpartituren zu verwenden.